Lesekonzept

1. Einleitende Gedanken

1.1 Grundsätzliche Bedeutung des Lesens

Lesen bedeutet demokratische und kulturelle Partizipation. Das Lesenlernen an der Grundschule Gießen-West ist verbunden mit dem Ziel, Schülerinnen und Schüler zu selbstbestimmten, an Kultur teilhabenden Subjekten in der demokratischen Gesellschaft zu erziehen. Ein kreativer und selbstgesteuerter Umgang mit Literatur gehört genauso zu unserem Leselernkonzept wie die Fähigkeit, Texte sinnentnehmend und kritisch zu lesen. An unserer Schule besteht eine Parallelität verschiedener Konzepte zum Lesen- und Schreibenlernen. Ein die Schülerinnen und Schüler motivierendes und auf die Differenzen zwischen den einzelnen Schülerinnen und Schülern als Subjekte eingehendes Lesekonzept muss sich an konstruktivistischen Lerntheorien orientieren.

1.2 Bedeutung der Konzeption Schriftlichkeit

Innerhalb unseres Leselerngangs gehen wir davon aus, dass Lesen und Schreiben interdependieren. Lesenlernen ist ohne Schreibenlernen nicht möglich. An der Grundschule Gießen-West ist eine sehr starke Integration von Leseerfahrungen notwendig, eine mittelschichtsspezifische Sozialisation mit Kenntnissen der Konzeption Schriftlichkeit kann bei den meisten unserer Schülerinnen und Schüler nicht vorausgesetzt werden, sodass uns als Schule eine entscheidende Rolle bei der Entdeckung von Schriftlichkeit zukommt. Diese Entdeckung von Schriftlichkeit im Anfangsunterricht umfasst, dass unseren Schülerinnen und Schülern die Bedeutungen von Schriftlichkeit klar werden. Diese Bedeutungen von Schriftlichkeit sehen wir zum ersten in einer kommunikativen Bedeutung zum zweiten in einer heuristischen Bedeutung und zum dritten in einer die Welt erhaltenden Bedeutung. Die kommunikative Bedeutung der Konzeption Schriftlichkeit ist im Anfangsunterricht die wichtigste, da eine Motivation zu Lesen und zu Schreiben nur dann besteht, wenn das Gelesene oder Geschriebene nicht als Selbstzweck erscheint. Die kommunikative Bedeutung von Schriftlichkeit besteht in der Möglichkeit des sprachlichen Ausdrucks eigener Gedanken für andere Menschen. Unsere Schülerinnen und Schüler verfassen eigene Texte und lesen die Texte der Mitschülerinnen und Mitschüler um auf diese Weise in eine für sie neue und bedeutende Form der Kommunikation einzutreten. Die heuristische Bedeutung von Schriftlichkeit besteht darin, Schreiben und Lesen als Mittel des Denkens einsetzen zu können. Das Schreiben eigener Texte kann mit dem eigenen Denkprozess in eins fallen (epistemisches Schreiben), durch das Lesen von Texten kann das eigene Denken beeinflusst und fundamental verändert werden. Im Rahmen offener und emotionaler Schreibsituationen lernen unsere Schülerinnen und Schüler bereits im Anfangsunterricht sich in Lese- und Schreibsituationen ihrer eigenen Gefühle klar zu werden. Die welterhaltende Bedeutung von Schriftlichkeit besteht darin, dass Geschriebenes über eine lange Zeit Wissen der Menschheit bewahrt und Erfahrungen an nachfolgende Generationen weitergibt. Diese Bedeutungen von Schriftlichkeit können nur erfahrbar werden, wenn stetig Lesesituationen geschaffen werden, die authentisch sind. Unter Authentizität verstehen wir, dass das Lesen nie zum Selbstzweck werden kann, sondern die Schülerinnen und Schüler beim Lesen literarischer wie nichtliterarischer Texte immer im Lesen einen Zweck erkennen können.

2. Schulspezifische Rahmenbedingungen

Die Grundschule Gießen-West ist eine Ganztagsschule am westlichen Stadtrand der Universitätsstadt Gießen. Mit der Ganztagskonzeption wird überwiegend das Ziel verfolgt, Chancengleichheit für alle Schülerinnen und Schüler zu ermöglichen. Diese Aufgabe stellt sich unter anderem als vornehmlich dar, weil die Weststadt in Teilen als sozialer Brennpunkt gilt. Die Probleme in der Gießener Weststadt haben sich durch die Ansiedlung verschiedener Gruppen von Migrantinnen und Migranten verschärft; eine Integration gelingt aufgrund der vielfältig vorhandenen Probleme teilweise nur schleppend. Um diese Problematik positiv zu kanalisieren bedarf es der Anerkennung des multikulturellen Miteinanders als Chance von- und miteinander zu lernen sowie als Bereicherung und Erweiterung des eigenen, beschränkten Horizontes. Für das Lesekonzept der Grundschule Gießen-West ist die soziale Herkunft der Schülerinnen und Schüler in so fern von Relevanz, dass eine oft vorausgesetzte mittelschichtsspezifische Sozialisation nicht bei allen Schülerinnen und Schülern vorausgesetzt werden kann, sondern viele häufig als selbstverständlich hingenommene Grundlagen in der Vorklasse und den ersten Schuljahren erst gelegt werden müssen. Das pädagogische Konzept der Ganztagsgrundschule Gießen-West hat dazu geführt, dass auch Schülerinnen und Schüler aus anderen Stadtteilen an die Westschule kommen.  Hierdurch – und durch die soziale Aufwertung der Weststadt selbst – beginnen viele soziale Probleme in den Hintergrund zu treten.

3. Bestandsaufnahme

Eine Umfrage unter den Kolleginnen und Kollegen hat ergeben, dass an der Grundschule Gießen-West keine Festlegung auf einen Leselerngang stattfindet. Die hier beschriebenen Leselerngänge ergänzen sich an einigen Punkten, an anderen schließen sie sich aus. Es gibt in der Fachwissenschaft und Fachdidaktik teils heftige Kontroversen über die Richtigkeit der verschiedenen Konzepte. Entscheidungen über die Konzepte hängen unter anderem davon ab, welche wissenschaftliche Position (vor dem Hintergrund der jeweiligen wissenschaftlichen Metatheorie) als richtig anerkannt wird.
Allen im Folgenden dargestellten Leselerngängen ist gemein, dass ein Einstieg geschaffen werden soll, der Schülerinnen und Schüler über die erste Phase hinaus dauerhaft zu lesen motiviert. An der Grundschule Gießen-West wird den Schülerinnen und Schülern deshalb eine Bibliothek mit über 4.000 altersadäquaten Werken zur Verfügung gestellt, die zu unterschiedlichen Zeiten zum Lesen animiert. Außerdem wird mit Klassenlektüren, darstellendem Spiel und regelmäßigen Vorlesekreisen gearbeitet. Darüber hinaus erweisen sich „Lesenächte“, in denen verschiedenes vorgelesen wird als äußerst motivierend (weitere Aspekte, siehe Punkt 5).

3.1 Förderung sprachlicher Kompetenzen in der Vorklassenarbeit

Seit dem Schuljahr 2005/2006 stehen der Vorklasse der Grundschule Gießen-West zwei Förderstunden im Rahmen der Sprachheilambulanz zur Verfügung. Den Schülerinnen und Schülern wird sowohl Einzelförderung als auch eine feste Gruppenstunde im Wochenplan angeboten.
Schwerpunkt des Unterrichts ist die Erweiterung der Sprachkompetenz und allgemeinen Ausdrucksfähigkeit der Schülerinnen und Schüler im verbalen Bereich. Die Lernvoraussetzungen der Vorklassenschülerinnen und -schüler für den Schriftspracherwerb sollen insbesondere durch musische Einheiten und Training der phonologischen Bewusstheit verbessert werden. Es werden Lieder erlernt, Sing- und Bewegungsspiele durchgefühlt und einfache Tanzformen erlernt. Die Förderung der Motorik mit musischen Elementen fördert das Gefühl für Raumlage und verstärkt die Eigenwahrnehmung der Kinder. Beim Erlernen von Liedtexten wird das Gedächtnis geschult und besonders zweisprachige Kinder profitieren hier von der Wortschatzerweiterung und Beispielen für korrekten Grammatikerwerb. Geräusche werden angehört und analysiert, Tonhöhen- und Lautstärken wahrgenommen und zugeordnet. Das Erleben im auditiven Wahrnehmungsbereich wird sprachlich reflektiert, um die Kinder zum gezielten „Zuhören" anzuleiten und ihre auditive Aufmerksamkeitsspanne und -merkfähigkeit zu verbessern. Hinzu kommt ein gezieltes Training der phonologischen Bewusstheit. Reime, Übungen zur akustischen Differenzierung, Reagieren auf bestimmte sprachliche Signale, rhythmisches Sprechen als Vorübung zum Segmentieren von Wörtern in Silben, erste Anlautübungen mit lebensnahen Beispielen (z.B. dem eigenen Namen) sind regelmäßiger Bestandteil der Gruppenstunde. In der Einzelförderung können oben genannte Aspekte bedarfsorientiert vertieft werden.

3.2  Klassischer Fibellehrgang

Das klassische Fibelkonzept bietet einen analytisch-synthetischen Leselehrgang. Dabei stehen das akustisch-optische Aufgliedern der Wörter in die ihm zugrunde liegenden Bestandteile  und der schrittweise Wortaufbau in der Anfangsphase im Vordergrund. Dieses Grundprinzip soll dem Kind einen sicheren methodischen Weg weisen um unbekannte Wörter zu erlesen.
Die Graphemfolge ist festgelegt, z. T. werden Groß- und Kleinbuchstaben parallel eingeführt. Der Textumfang und der Schwierigkeitsgrad werden langsam und kontinuierlich erhöht, durch Wiederholen wird bekanntes Wortmaterial in neuen Zusammenhängen geübt und abgesichert. Da das klassische Fibelkonzept den unterschiedlichen Lernvoraussetzungen der Kinder kaum Rechnung trägt, wählen einige Kolleginnen auch offenerer Fibellehrgänge (z.B. Tobi-Fibel, Startfrei etc.) für den Anfangsunterricht aus.

1.3   Eigenfibel

Einige Lehrkräfte an der Grundsschule Gießen-West verzichten bereits seit Anfang der 1990er Jahre auf eine fertige Fibel und erstellen mit den Schülerinnen und Schülern gemeinsam eine Eigenfibel aus Texten und Materialien. Mit einer solchen Eigenfibel kann der Leselernprozess den speziellen Interessen und Voraussetzungen der Lerngruppe optimal angepasst werden; Lesen kann an persönlich bedeutungsvollen Inhalten am erfolgreichsten gelernt werden. Die Schülerinnen und Schüler erfahren Lesen und Schreiben in seiner authentischen Funktion und stets im Kommunikationszusammenhang. Es gibt keine festgelegte Reihenfolge, in der die Buchstaben eingeführt werden. Zum Beispiel können die Namen der Kinder als motivierender Einstieg dienen um Laute und Buchstaben kennenzulernen. Weitere Themen, die sich daran anschließen können, sind „Das bin ich", „Klassentier“, „Wort“, „Welt“ und „wir“. Sowohl die Ganzwortmethode als auch der analytisch-synthetische Ansatz werden als Lese-Lernmethoden in diesem Konzept integriert. Da jedes Kind seine Fibel individuell gestaltet, ergeben sich vielfältige Differenzierungsmöglichkeiten. Das offene Lese- und Schreiblernkonzept fordert, dass die Kinder – durch gezielte Angebote von der Lehrkraft – selbst die Funktion und Struktur unserer Schrift „entdecken".
Allerdings setzt die Verwendung einer Eigenfibel eine große lesedidaktische Erfahrung und Kompetenz bei den Lehrkräften voraus, da kein fachdidaktisch und methodisch abgesichertes Programm eines Schulbuchverlags vorliegt. Außerdem ist die Bereitschaft zu hohem Arbeitsaufwand erforderlich, da geeignete Texte und  Materialien im Laufe des ersten Schuljahres zu den sich aus dem Unterricht ergebenden Themen erst zusammengetragen und angefertigt werden müssen. Theoretische und fachdidaktische Unterstützung erfährt die Arbeit mit Eigenfibeln durch den so genannten Spracherfahrungsansatz (Brügelmann u. a.).

3.4 Lesen durch Schreiben

Im Rahmen der Konzeption „Lesen durch Schreiben“, die vor allem von Reichen entwickelt und von Brügelmann kritisch weiterentwickelt wird, wird davon ausgegangen, dass Lesen- und Schreibenlernen komplexe und vielschichtige Prozesse sind, die individuell verlaufen. Schülerinnen und Schüler verfügen über Vorerfahrungen mit der Konzeption Schriftlichkeit. Lesen und Schreiben sind keine linear nach einem bestimmten Schema erlernbare Prozesse, sondern hochkomplex und hochinteraktiv (siehe dazu auch 4.x).
Mit dem Lesen und Schreiben werden kommunikative Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler erfüllt. Lesen- und Schreibenlernen dürfen nicht – wie in manchen klassischen Fibeln – selbstzweckhaft erscheinen, sondern müssen immer das kommunikative Bedürfnis der Schülerinnen und Schüler unterstützen. Hierzu erhalten die Schülerinnen und Schüler eine Buchstabentabelle („Anlauttabelle“), auf der Phonem-Graphem-Beziehungen einfach erläutert werden. Mit der Hilfe dieser Anlauttabelle können Schülerinnen und Schüler eigene Texte Produzieren und fremde Texte (vor allem auch die der Mitschülerinnen und Mitschüler) rezipieren.
Die Buchstaben werden selbstständig und eigenaktiv entdeckt. Nach Ergebnissen konstruktivistischer Lerntheorie kann durch diese Selbstständigkeit und Eigenaktivität eine sehr tiefe kognitive Verarbeitung der Systeme Lesen und Schreiben erfolgen. Hier zeigt sich auch die Distanz zu häufig an behavioristischen Konzepten orientierten klassischen Fibeln. Eine Unterstützung für die Schülerinnen und Schüler bietet innerhalb des Konzeptes „Lesen durch Schreiben“ eine Buchstabenwerkstatt. Hier werden die einzelnen Buchstaben zusätzlich schrittweise gelernt und geübt, eine optische und akustische Differenzierung und eine Automatisierung des Lese- und des Schreibprozesses erfolgt. Es gibt an vielen Punkten Übereinstimmung mit dem Konzept der Eigenfibel, welches sich im Rahmen dieses Leselerngangs verwirklichen lässt.

4. Aufbau und Ausbau von Lesekompetenz

4.1 Bedeutung von Lesekompetenz

Unter Lesekompetenz wird die Fähigkeit verstanden, Texte in allen Erscheinungsformen und Funktionen nutzen zu können. Diese Nutzung von Texten soll sowohl der Gewinnung von Informationen als auch zur Unterhaltung und zur Teilhabe an Kultur dienen.
Lesekompetenz besteht den Forschungsergebnissen empirischer Leseforschung folgend aus verschiedenen Komponenten. Innerhalb dieses Lesekonzeptes wird Lesen als ein hochinteraktiver Prozess aufgefasst, in welchem auf verschiedenen Ebenen Informationen zeitgleich verarbeitet werden. Die Informationsverarbeitung findet auf den Ebenen der visuellen Analyse, phonologischen Rekodierung, Erkennung des Wortes und seiner Bedeutung, der syntaktischen Analyse, der semantischen Analyse sowie der Textanalyse statt.
Um eine syntaktische, semantische oder Textanalyse – welche zum Bereich der Metakognition gehören – durchführen zu können bedarf es der Automatisierung der visuellen Analyse, der phonologischen Rekodierung und der Erkennung des Wortes und seiner Bedeutung. Das Ziel der Grundschule Gießen-West ist, dass Schülerinnen und Schüler eine solche Automatisierung erreichen, um Texte wie oben beschrieben nutzen zu können. Entscheidend für ein gelingendes Lesenlernen ist die Motivation der Schülerinnen und Schüler. Das Gelesene darf nicht selbstzweckhaft erscheinen, sondern es bedarf stets einer persönlichen Bedeutsamkeit des Textinhalts für die Schülerinnen und Schüler.

4.2 Lesen lernen

Da Lesekompetenz wie oben beschrieben nicht das Erkennen von Buchstabenreihen ausmacht, sondern Lesen im Gegenteil ein hochinteraktiver Prozess ist, kann nicht davon ausgegangen werden, dass mit einer Alphabetisierung der Schülerinnen und Schüler Lesekompetenz vorhanden sei. Im Gegenteil besteht Lesen aus einem Zusammenspiel der oben genannten Ebenen der Informationsverarbeitung. Darüber hinaus gibt es verschiedene Wissensquellen der kompetenten Leserin und des Kompetenten Lesers, zu denen Wissen über Wortbedeutungen, Schlussfolgerungsregeln, soziale Handlungsmuster, Geschichtenschemata und Metakognitionen, wie und wann von den verschiedenen Wissensquellen Gebrauch gemacht werden kann gehören.
Für die Grundschule Gießen-West sind diese Forschungsergebnisse empirischer Leseforschung von Relevanz, weil sich aus ihnen direkt ableitet, dass eine professionelle Leserin oder ein professioneller Leser eine vollständige Automatisierung der unteren Komponenten der Worterkennung erreichen muss. Nur durch die Automatisierung dieser Prozesse kann die Notwendige Kapazität des Gedächtnisses für eine syntaktische, eine semantische und eine Textanalyse geboten werden.

4.3 Lesestrategien

Kompetente Leserinnen und Leser haben bewusst oder unbewusst Strategien entwickelt, die helfen, Leseziele zu erreichen. Im Rahmen einer Förderung von Lesekompetenz ist es notwendig, diese Lesestrategien bewusst zu machen und die Schülerinnen und Schüler zu trainieren, diese anzuwenden. Lesestrategien dienen relativ unabhängig von konkreten Aufgabenstellungen Leseziele zu erreichen.
Es kann in kognitive Lesestrategien (reduktiv-organisierende Strategien, z. B. Zusammenfassen eines Textes in Kernaussagen oder elaborative Strategien, Verknüpfung des Textinhaltes mit eigenem Wissen) und metakognitive Strategien (Planen, Steuern und Evaluieren des Leseprozesses) differiert werden. Die Anwendung von Lesestrategien soll durch häufiges Anwenden automatisiert werden.

5. Ausblick – Ziele für die Weiterarbeit

Innerhalb dieses Ausblicks werden inner- und außerschulische Aktivitäten und Maßnahmen beschrieben, die in Zukunft noch intensiviert werden sollen.

5.1 Leseförderprogramm „Antolin"

Ein wesentlicher Schwerpunkt auf dem Gebiet der Leseförderung liegt, neben den vorangestellten Ausführungen, auf der Einführung des Leseförderprogramms „Antolin“. Da es sich hierbei um ein interaktives Programm, welches das Medium Computer erfordert, handelt, ist eine Kooperation mit den Eltern von großem Vorteil. Neben Informationsabenden zum „Antolin-Programm" werden Bestandsaufnahmen in den einzelnen Klassen durchgeführt, aus denen hervorgehen soll, welche Kinder privat über einen Computer verfügen und ob dieser auch für einen bestimmten Zeitraum zur Recherche und gezieltem Umgang mit „Antolin" genutzt werden kann. Dieses hat zum einen den Vorteil, dass Kinder ohne Computer im schulischen Rahmen in Wochenplanarbeiten verstärkt den Computer nutzen dürfen, hingegen andere Recherchen und Fragensätze frei gewählter sowie gemeinsam erarbeiteter Lektüre zu Hause durchführen bzw. beantworten können. Da das Medium Computer an und für sich einen hohen Motivationsfaktor darstellt, wird zudem der gezielte Umgang mit dem Medium gelernt und geübt.
Um die Lesemotivation zu erhalten bzw. zu fördern, ist es wichtig die unterschiedlichen Leseinteressen der Schülerinnen und Schüler zu berücksichtigen. Dazu benennen die Kinder ihre Hobbys bzw. Vorlieben, die in einer Klassenkartei gesammelt werden. In Abstimmung mit den Eltern erhalten die Kinder als Geburtstagsgeschenk von der Klasse ein Buch, welches ihren Interessen entspricht, im „Antolin-Programm" vertreten ist und entweder von der Klassenkasse finanziert oder von den Eltern besorgt wird.
Einen weiteren Motivationsfaktor stellt die Schulbibliothek mit einem Inventar von 4.000 Büchern dar, welche durch das Erfassungsprogramm „Litera" erfasst wurden und mit „Antolin" verknüpfbar ist. Zur einfachen Recherche genügt die Eingabe des Autors, Titels, Inhalts oder Schlagwörter. Neben literarischen Klassikern finden die Schülerinnen und Schüler zudem moderne Kinder- und Jugendliteratur.

5.2 Vorlesen

Da Vorlesen ein wesentlicher Bestandteil beim Entwickeln der Lesefreude ist, ist es wichtig dieses als Ritual in den Unterricht einzubetten. Diese wichtige Aufgabe übernehmen zum einen die „Klassenomas" bzw. die Lehrkraft, während des gemeinsamen Frühstücks und zum anderen fortgeschrittene Leser. Da ein Großteil der Schülerinnen und Schüler bilingual aufwächst, besteht eine Chance der Leseförderung darin, Literatur der Herkunftssprache von ausländischen Eltern in Kleingruppen vorlesen zu lassen und in schriftlicher Form zusammen zu fassen.

5.3 Methoden zur Verbesserung der Lesefähigkeit und des Textverständnisses

Da für das Erlernen des Lesens und des Textverständnisses Übung und Motivation notwendig sind, arbeiten die Kinder mit unterschiedlichen Methoden. Neben den handlungs- und produktionsorientierten Verfahren nach „Haas/ Kasper/ Menzel und Spinner" erlernen die Schülerinnen und Schüler verschiedene Lesestrategien, die ihnen anhand des „Leselotsen" (entn. aus Leseschule 3) sukzessiv vorgestellt werden. Da in einer heterogenen Klasse individuelle Kenntnisse und Lerntempi berücksichtigt werden, bietet der Leselotse Hilfen vor, während und nach dem Lesen an, die von dem einzelnen Kind je nach Leistungsstand genutzt werden. Zu den Hilfen gehören neben Antizipation, Unterstreichen von Unverstandenem, Tipps   zur   Klärung,   zur   Gliederung,   zum   Markieren   und   Notieren   sowie   zur Textzusammenfassung und Auswertung.

5.4 Außerschulische Aktivitäten

In Gießen existiert eine öffentliche Bücherei, welche Themenboxen zu unterschiedlichen Fachgebieten für Schulen zusammenstellt. Ein Ziel ist es, neben dem Besuch des Stadtbibliothek Themenkisten in regelmäßigen Abständen für den fächerübergreifenden Unterricht auszuleihen, deren Inhalt von den Kindern auch privat genutzt werden darf. Zu den Kisten gehören themenorientierte Medien, wie z.B. neben Büchern auch DVD's, Hörspiele und Lexika. Parallel dazu erlernen die Kinder im Wechsel „Ausleihlisten" zu fuhren und zu überwachen. Des Weiteren informieren die Lehrer/innen die Familien über Lesungen und Aufführungen der Stadtbibliothek, wie z.B. die monatliche Märchenstunde oder Schnuppertage